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Erlebniskreislauf

  • By Michael Blanz

9 Millionen Möglichkeiten deines Erlebens in einem Modell erklärt.

Innerer Erlebniskreislauf (auch: Gefühlskreislauf, Reaktionskreislauf) bezeichnet im Gedankenfühlen-Modell die innere Bewegung, die jedes emotionale Erleben durchläuft – von einem Auslöser über verschiedene Zustände bis zur Integration oder zur Wiederholung.

Kurzform:

Ein Gefühl beginnt immer durch einen Auslöser und wird erst außen vermutet, sucht den Weg nach innen und strebt nach Abschluss. Ob dieser Abschluss gelingt, entscheidet der verfügbare Raum.


1) Die Grundstruktur

Der Kreislauf beschreibt neun funktionale Zustände, die in einer inneren Ordnung durchlaufen werden. Sie sind keine Persönlichkeitstypen, sondern Stationen des Erlebens, die jeder Mensch in jeder Situation potentiell durchquert.

Die neun Zustände lassen sich drei Zentren zuordnen:

Das Bauchzentrum (Punkte 1, 8, 9) verarbeitet instinktive Reaktionen, Wut, Handlung und körperliche Integration. Es entspricht dem enterischen Nervensystem und dem Stammhirn.

Das Herzzentrum (Punkte 2, 3, 4) verarbeitet Gefühle in Bezug auf andere, Bindung, Trauer und Liebe. Es entspricht dem limbischen System.

Das Kopfzentrum (Punkte 5, 6, 7) verarbeitet Angst, Bedeutung, Beobachtung und Freude. Es entspricht dem präfrontalen Kortex und dem kognitiven Bewertungssystem.


2) Der Ablauf eines Kreislaufs

Ein Auslöser tritt auf (Punkt 2: Außenfühlen). Das Nervensystem bewertet ihn unbewusst auf Sicherheit oder Bedrohung. Ein somatischer Marker entscheidet (Punkt 3: Aktion), ob das Signal nach innen geleitet, abgewehrt oder direkt entladen wird.

Kann das Signal nach innen fließen, wird es innerlich erlebt (Punkt 4: Innenfühlen). Hier liegt die entscheidende Schwelle des gesamten Kreislaufs: der Übergang von Punkt 4 zu Punkt 5 (Beobachtung). Ist genug Raum vorhanden, kann das Gefühl gehalten, beobachtet und schließlich integriert werden. Der Kreislauf schließt sich über Punkt 9 (Integration) zurück zu Punkt 1 (Regulation).

Ist der Raum zu eng, kehrt das System zur Außenorientierung zurück und beginnt den Kreislauf von vorn. Dieser offene Loop ist kein Versagen, sondern eine Schutzfunktion des Nervensystems.


3) Die zwei Kreisläufe und die Triade

Bei ausreichend Raum verläuft das Erleben über den Sicherheitskreislauf: 1 → 7 → 5 → 8 → 9 → 1. Bei zu engem Raum aktiviert sich der Stresskreislauf: 1 → 4 → 2 → 8 → 7 → 1, mit automatischen Überlebensreaktionen (Kämpfen, Fliehen, Erstarren, Anschließen) an Punkt 8.

Die Punkte 3, 6 und 9 bilden eine eigene Dynamik innerhalb des Systems: Aktion (3), Reaktion (6) und Integration (9). Sie halten das System in Bewegung und ermöglichen Übergänge zwischen innen und außen, zwischen Angst und Sicherheit.


4) Die Raum-Schwelle

Der Übergang von Punkt 4 zu Punkt 5 ist die kritische Stelle des gesamten Kreislaufs. Hier entscheidet sich, ob das Gefühl beobachtet werden kann oder sofort in Reaktion umschlägt. Viktor Frankl beschreibt diesen Moment als den Raum zwischen Reiz und Reaktion, in dem menschliche Freiheit liegt. Gedankenfühlen ist die Praxis, genau an dieser Stelle präsent zu bleiben.

Merksatz:

Je mehr Raum an der Schwelle zwischen Fühlen und Beobachten vorhanden ist, desto mehr Freiheit besteht zwischen Reiz und Reaktion.


5) Offene und geschlossene Kreisläufe

Ein Kreislauf gilt als abgeschlossen, wenn das Erleben über Punkt 9 zur Regulation zurückgekehrt ist. Das Nervensystem scannt danach weiter nach neuen Auslösern und beginnt den Kreislauf neu.

Ein Kreislauf gilt als offen, wenn er ohne Integration abbricht und sich wiederholt. Bekannte Formen sind der Bedeutungs-Loop, der Wahrheits-Loop und der Beziehungs-Loop, die unter dem Begriff emotionales Kreisen beschrieben werden.

Chronisch offene Kreisläufe, in denen bestimmte Stationen dauerhaft übersprungen oder blockiert werden, stehen in Verbindung mit Angststörungen, somatoformen Störungen, depressiven Zustandsbildern und posttraumatischen Reaktionen.


6) Wissenschaftliche Einordnung

Das Modell ist anschlussfähig an mehrere etablierte Forschungslinien, ohne mit ihnen identisch zu sein. Die Dreiteilung der Zentren entspricht funktional der affektiven Neurowissenschaft nach Panksepp und dem enterischen Nervensystem. Die kritische Schwelle 4 → 5 entspricht strukturell LeDoux‘ Unterscheidung zwischen automatischer Amygdala-Reaktion und präfrontaler Regulation. Die zwei Kreisläufe spiegeln die drei ANS-Zustände der Polyvagal-Theorie nach Porges wider. Der somatische Marker an Punkt 3 entspricht Damasios gleichnamigem Konzept.

Das Modell ist bisher nicht empirisch getestet. Es ist eine theoretische Synthese auf Basis klinischer Beobachtung und systematischer Modellentwicklung, entstanden als Teil des Gedankenfühlen-Ansatzes.


Querverweise: [Raum], [Inhalt], [Spannung], [emotionales Kreisen], [Gedankenfühlen], [Sicherheit], [Somatischer Marker]

Michael Blanz
Grenzen zu setzen bedeutet, der eigenen Natur Raum zu geben. Es bedeutet, sich über eigene Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen klar zu sein.

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