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Hier

  • By Michael Blanz

Alltagswort · Orientierungsbegriff

Einstieg

Jemand sitzt in einem Gespräch. Hört Worte, nickt, antwortet. Und bemerkt irgendwann, dass er die letzten Minuten woanders war. Nicht eingeschlafen. Nicht abgelenkt durch etwas Konkretes. Einfach weg. Der Körper war im Zimmer. Das Hier war es nicht.

Das kleine Wort trägt eine erstaunliche Behauptung in sich: nicht nur, dass ich existiere, sondern dass mein Dasein einen Ort hat. Einen ganz bestimmten. Diesen.

Was aber, wenn das Hier kein Koordinatenpunkt auf einer Karte ist? Wenn es nicht entsteht, weil jemand dort ist, sondern immer schon da ist, überall, unabhängig davon, ob Bewusstsein ankommt oder nicht?


Herkunft

Althochdeutsch hiar, gotisch her, altnordisch hér. Die Verwandtschaft ist alt und beständig: Dieses Wort hat sich über Jahrhunderte kaum bewegt. Als wäre es zu grundlegend, um sich zu verändern.

Es ist ein deiktisches Wort, ein zeigeendes. Es verweist immer auf den Ort, von dem aus es gesprochen wird. Es kann nicht lügen. Wer „hier“ sagt, meint immer genau dort, wo er gerade ist, auch wenn er es gar nicht spürt.

Im Englischen entfaltet das Wort einen verborgenen Doppelsinn. Here klingt wie hear: hören. Das Hier hat eine akustische Seite, es verlangt nach Aufmerksamkeit, nach dem Lauschen auf das, was gerade ist. Und nowhere, nirgendwo, lässt sich in einem anderen Atemzug lesen: now here. Genau jetzt, genau hier. Was als Abwesenheit klingt, enthält die vollständige Anwesenheit als Möglichkeit.

Das Jetzt und das Hier sind keine Synonyme. Aber sie bedingen sich. Wer nicht im Jetzt ist, ist nicht hier. Wer nicht hier ist, hat kein Jetzt, an dem er sich festhalten könnte.


Ladung und Spannung – die Laute im Körper

Das Wort „Hier“ ist kurz. Vier Zeichen. Und doch enthält es drei deutlich verschiedene Klangereignisse, die nacheinander verschiedene Körperbereiche aktivieren.

H

Öffnung Kein Laut, sondern Atem. Das H ist die Geste vor dem Sprechen: Raum machen, öffnen, einladen. Das Hier beginnt nicht mit Behauptung, sondern mit einem Atemzug.

I

Brust · Zeigen Heller, hoher Vokal. Er sitzt im Brustbereich, geht nach oben in den Kopf. Der I-Laut ist zeigend: dieser, diese, ich. Er schafft Unterscheidung, markiert einen Punkt. Im „Hier“ zeigt er auf sich selbst.

E

Abgabe · Kontakt Öffnet sich nach außen. Das E ist der Laut der Mitteilung, der Abgabe, des Kontakts. Das Hier bleibt nicht im Innen eingeschlossen. Es gibt sich kund. Es teilt sich mit.

R

Richtung · Reibung Das R bewegt, rollt, reibt. Es gibt dem Hier eine Richtung und zugleich eine Grenze. Der Raum hat eine Kontur. Das Hier ist nicht grenzenlos, es ist dieses Hier, abgegrenzt von allem anderen.

Verglichen mit „Jetzt“ wirkt „Hier“ körperlich weniger geschlossen. Das J-E-T-Z-T enthält harte Konsonanten und ein klares T am Ende, ein Stopp. Das Hier öffnet, zeigt, gibt ab. Es ist räumlich, das Jetzt ist zeitlich. Beide sind notwendig, aber sie sind nicht dasselbe.


Hier als Orientierungszustand

Im Gedankenfühlen-Modell ist das Hier keine Leistung des Bewusstseins. Es ist überall schon da. Jeder Punkt im Universum ist ein Hier, unabhängig davon, ob jemand dort ist oder nicht. Das Hier wartet nicht darauf, erschaffen zu werden.

Was fehlen kann, ist nicht das Hier. Was fehlen kann, ist das Ankommen darin. Bewusstsein, das woanders beschäftigt ist, verfehlt das Hier nicht weil es nicht vorhanden wäre, sondern weil es nicht landet.

Zwischen dem Wahren und dem Wort liegt das Hier als stille Gegebenheit. Bevor ein Erlebnis in Sprache gefasst wird, bevor Bedeutung entsteht, bevor eine Bewertung beginnt: Ist Bewusstsein angekommen? Nicht: hat es das Hier erzeugt. Es ist schon da.

Das Hier muss nicht gefunden werden. Es ist immer schon dort. Die Frage ist nur, ob ich auch dort bin.


Ich-Raum · Du-Raum · Wir-Raum

Ich-Raum

Das Hier ist schon da. Was fehlt, ist die Aufmerksamkeit, die darin landet. Im Ich-Raum zeigt sich das als Verlust des Kontakts zur eigenen Wahrnehmung, nicht durch Gleichgültigkeit, sondern weil das Nervensystem anderswo beschäftigt ist.

Du-Raum

Auch der andere hat sein Hier, unabhängig davon, ob er darin anwesend ist. Echte Begegnung setzt voraus, dass beide darin ankommen. Wenn ich das Hier des anderen definiere, wo er „eigentlich sein sollte“, beginnt Vereinnahmung. Wenn er nicht ankommt, beginnt Einsamkeit, auch mitten im Gespräch.

Wir-Raum

Geteiltes Hier. Wenn zwei Menschen im selben Moment ankommen, entsteht ein Wir-Raum, der nicht geplant werden kann. Er ist offen, weit, still. Er entsteht nicht durch Anstrengung, sondern durch gleichzeitige Präsenz. Das ist selten. Und wenn es passiert, ist es spürbar.


Im inneren Erlebniskreislauf

Auslöser

Ein Auslöser kann nur dann als solcher erlebt werden, wenn Bewusstsein im Hier ist. Fehlt das Hier, gibt es keinen erlebten Auslöser, nur diffuse Unruhe ohne Quelle, eine Reaktion auf etwas, das nicht benannt werden kann.

Wahrnehmung

Wahrnehmung setzt das Hier voraus. Was nicht im Bewusstsein ankommen kann, weil der Raum zu eng oder bereits anderswo besetzt ist, wird nicht wahrgenommen. Es wird abgewehrt, übersprungen oder später körperlich gemeldet.

Verarbeitung

Im Hier kann verarbeitet werden, was ist. Nicht was gestern war oder morgen sein könnte. Das Nervensystem kann nur im gegenwärtigen Moment lernen, dass eine Situation sich verändert hat. Verarbeitung, die anderswo stattfindet, läuft im Kreis.

Integration

Abschluss eines Kreislaufs braucht das Hier als Ankerpunkt. Ohne ihn bleibt das Erleben schwebend, nicht abgeschlossen, nicht integriert. Der Kreislauf beginnt von vorn, nicht weil das Gefühl zu stark war, sondern weil das Hier fehlte, als er enden wollte.

Wo stockt es?

Das Hier kann an jeder Stelle des Kreislaufs fehlen. Am häufigsten: zwischen Auslöser und Wahrnehmung. Der Körper reagiert bereits, das Bewusstsein kommt nicht nach. Das Ergebnis ist eine Reaktion ohne erlebtes Erleben.


Im Gedankenfühler-Modell

Das Hier liegt zwischen dem Wahren und dem Wort. Es ist der Moment, in dem das, was ist, noch nicht in Bedeutung übersetzt wurde. Dieser Moment ist flüchtig. Meistens dauert er weniger als eine Sekunde, bevor das Gehirn anfängt, zu interpretieren, zu vergleichen, zu bewerten.

Im symmetrisch-offenen Systemmodus, dem Kohärenzmodus, ist das Hier leichter zugänglich. Das Nervensystem ist reguliert, der Bewusstseinsraum weit genug, um das Jetzt einzulassen. Im asymmetrisch-hierarchischen Modus, wenn das System unter Druck steht, schrumpft der verfügbare Raum. Das Hier wird enger, manchmal bis es ganz verschwindet.

Das Hier ist keine Technik. Es ist das Ergebnis eines regulierten Nervensystems. Deshalb hilft kein Appell zur Präsenz, wenn das System in Alarmbereitschaft ist.


Was hilft – was nicht

Das Hier lässt sich nicht erzwingen. Wer versucht, „präsent zu sein“, indem er sich dazu auffordert, bleibt im Kopf, genau dort, wo das Hier nicht entsteht.

Was hilft, ist Sinneswahrnehmung. Der Atem. Der Druck der Füße auf dem Boden. Ein Geräusch, dem man wirklich lauscht. Nicht als Übung, sondern als Kontakt. Der Körper weiß schon, wo er ist. Er muss nur eingeladen werden, es auch zu melden.

Was nicht hilft: Erklärung. Warum-Fragen. Der Satz „Jetzt sei doch mal im Hier.“ Das Bewusstsein kommt nicht durch Argumentation ins Hier. Es kommt durch Kontakt.


Abgrenzung

Hier und Jetzt: Das Hier ist räumlich. Das Jetzt ist zeitlich. Sie hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Man kann sich vorstellen, räumlich anwesend zu sein und trotzdem in einer anderen Zeit zu leben, in Erinnerungen oder Erwartungen. Das Hier und das Jetzt brauchen einander, aber keins von beiden schließt das andere automatisch ein.

Hier und Raum: Der Raum ist das Gefäß. Das Hier ist der erlebende Punkt darin. Raum kann vorhanden sein, ohne dass Bewusstsein in ihm ankommt. Das Hier ist der Moment, in dem der Raum bewohnt wird.

Hier und Gewahrsein: Gewahrsein ist die Qualität der Aufmerksamkeit. Das Hier ist ihr Ort. Man kann gewahr sein, ohne zu wissen, wo man ist. Und man kann glauben, hier zu sein, ohne wirklich gewahr zu sein. Beide zusammen ergeben Präsenz.


Hier als Chance

Das Hier ist die einzige Stelle, an der Veränderung stattfinden kann. Nicht in der Analyse vergangener Erlebnisse, solange sie nur Analyse bleibt. Nicht in der Vorbereitung auf künftige Situationen. Das Nervensystem lernt nur im Jetzt. Es braucht ein Hier, um zu erleben, dass es diesmal anders ist.

Wer lernt, öfter hier zu sein, gewinnt nichts Spektakuläres. Keinen besonderen Zustand. Nur den Zugang zu dem, was gerade ist. Und damit zum einzigen Raum, in dem ein Erlebniskreislauf wirklich abgeschlossen werden kann.

Das Hier fragt nicht, ob man bereit ist. Es ist schon da.


Enneagramm-Perspektive

Das Enneagramm beschreibt hier keine Persönlichkeiten, sondern neun verschiedene Arten, das Hier zu verfehlen oder zu finden.

1

Das Hier ist unfertig. Die Aufmerksamkeit sucht sofort, was korrigiert werden müsste. Präsenz hat einen Preis: man muss sehen, was ist, nicht was sein sollte. Stress → 4: Das Hier wird persönlich unzulänglich erlebt  ·  Entspannung → 7: der Moment weitet sich, wird leichter

2

Das Hier wird durch andere definiert. Bin ich dort, wo ich gebraucht werde? Das eigene Hier bleibt oft unbesucht. Stress → 8: das Hier wird zur Bühne für Konfrontation  ·  Entspannung → 4: Kontakt mit dem eigenen Hier, unabhängig von anderen

3

Das Hier ist Bühne. Leistung, Wirkung, Sichtbarkeit. Das stille Hier, in dem nichts gezeigt werden muss, ist ungewohnt. Stress → 9: das Selbst zieht sich zurück, das Hier wird leer  ·  Entspannung → 6: echte Verbundenheit mit dem Moment

4

Das Hier ist nie ganz richtig. Die Sehnsucht zeigt immer woanders hin. Das Hier als ausreichend zu erleben fällt schwer. Stress → 2: das Hier wird zur Bühne für unerfüllte Verbindung  ·  Entspannung → 1: die Aufmerksamkeit landet ruhig in dem, was tatsächlich ist

5

Das Hier ist Beobachtungsposten. Präsenz wird dosiert, um nicht überwältigt zu werden. Der Körper ist da, das Kontakterleben bleibt begrenzt. Stress → 7: Aufmerksamkeit verstreut sich, das Hier verliert Kontur  ·  Entspannung → 8: verkörperte Präsenz, das Hier wird körperlich erlebbar

6

Das Hier wird auf Sicherheit geprüft. Bevor Bewusstsein wirklich ankommen kann, muss feststehen: Ist es hier sicher? Stress → 3: Aktivität ohne Verortung, Tun ohne Ankerpunkt  ·  Entspannung → 9: das Hier wird als ausreichend sicher erlebt

7

Das Hier ist immer ein bisschen zu eng. Die Optionen, die Möglichkeiten, das Nächste liegen woanders. Das Jetzt kostet Freiheit. Stress → 1: Enge und Selbstkritik am gegenwärtigen Moment  ·  Entspannung → 5: Aufmerksamkeit vertieft sich, das Hier gewinnt Tiefe

8

Das Hier ist Territorium. Präsenz ist Wirkung. Das stille, offene Hier ohne Zweck ist ungewohntes Terrain. Stress → 5: Rückzug, Beobachten statt Handeln  ·  Entspannung → 2: das Hier öffnet sich für Verbindung

9

Das Hier verblasst. Die eigene Präsenz nimmt wenig Raum ein. Man ist da, aber nicht wirklich bemerkbar, auch für sich selbst nicht. Stress → 6: Unruhe sucht nach Halt  ·  Entspannung → 3: tritt ins Hier ein, macht sich bemerkbar, handelt


Energetische Perspektive

Chakren sind kein wissenschaftliches Konzept. Was folgt, ist eine klanglich-körperliche Beobachtung, keine spirituelle Zuordnung.

Das „Hier“ enthält zwei Vokale mit klaren Körperrichtungen. Das I sitzt hoch, in der Brust, zeigt nach oben und innen. Es ist der Laut der Unterscheidung, des Zeigens, des Ich. Das E öffnet sich nach außen, in Richtung Kontakt.

Wer „Hier“ sagt, bewegt sich im Klang zuerst nach innen und oben (I), dann nach außen (E). Das ist die Bewegungsstruktur des Wortes: erst sich verorten, dann sich mitteilen. Erst ankommen, dann zeigen.

Im Vergleich: „Jetzt“ hat ein E am Anfang und endet mit dem harten T, einem Stopp. Es ist klanglich bestimmt, abgeschlossen. Das Hier bleibt mit dem R am Ende in Bewegung. Es zeigt, gibt aber nicht ab. Es öffnet, ohne zu enden.


Fachebene

Dieser Abschnitt enthält theoretische Bezüge. Er ist überspringbar.

In der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) nach Steven Hayes gilt das „Kontaktieren des gegenwärtigen Moments“ als einer von sechs Kernprozessen des psychologischen Flexibilitätsmodells. Es ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, dass die anderen Prozesse, Defusion, Akzeptanz, Werteklärung, greifen können. Ohne das Hier bleibt alles andere Konzept.

In der Traumatherapie, besonders im Somatic Experiencing nach Peter Levine, ist das Orientierungsreflex das erste Werkzeug. Bevor eine traumatische Erinnerung bearbeitet werden kann, muss das Nervensystem im Hier ankommen: Sinneswahrnehmung, Körperkontakt, Raumwahrnehmung. Das Hier ist nicht Ziel, sondern Startbedingung.

Phänomenologisch ist das Hier nicht wählbar. Martin Heideggers Begriff des Daseins beschreibt ein Sein, das immer schon irgendwo ist, immer schon In-der-Welt. Es gibt kein Bewusstsein ohne Hier. Was fehlen kann, ist nicht der Ort, sondern das Bewohnen dieses Orts.

Neurowissenschaftlich ist das Default Mode Network (DMN) aktiv, wenn das Bewusstsein nicht im Hier ist: beim Grübeln, Planen, Erinnern. Das DMN deaktiviert sich, wenn Aufmerksamkeit auf Gegenwärtiges gerichtet wird. „Im Hier sein“ entspricht also einem messbaren Wechsel im neuronalen Aktivierungsmuster, kein mystisches Konzept.

Das Hier entsteht nicht, es ist immer da, überall unabhängig vom Raum, dennn überall ist ein neues Hier.

Michael Blanz
Grenzen zu setzen bedeutet, der eigenen Natur Raum zu geben. Es bedeutet, sich über eigene Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen klar zu sein.

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