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Stoffungebundene Süchte

  • By Michael Blanz

Verhaltenssucht ist sowohl ein Abwehrmechanismus als auch eine Kompensation von unangenehmen Zuständen: Wenn der Veruch das Nervensystem zu regulieren zu abhägigen Verhalten führt:

1. Was „stoffungebunden“ bedeutet

Stoffungebundene Süchte sind Muster, bei denen kein Stoff, sondern ein Verhalten die gleiche Funktion übernimmt: schnelle Regulation von innerem Stress.

Beispiele (je nach Mensch unterschiedlich):

  • exzessive Medien-/Internetnutzung, Gaming
  • Glücksspiel
  • Kaufen/Shopping
  • Arbeit/Leistung (Workaholism)
  • Sex/Pornografie (zwanghaft)
  • Essen (z. B. Binge-Eating als Regulationsform)
  • Sport (zwanghaft)
  • Beziehung/„Liebe“ als Suchtmuster (z. B. ständiges Suchen von Bestätigung)

In diesem Modell ist die Frage nicht: „Warum machst du das?“
Sondern: „Was regelt es für dich?“


2. Die Kernlogik: Verhalten als „inneres Werkzeug“

Stoffungebundene Süchte funktionieren oft, weil sie:

  • Vorhersagbarkeit erzeugen (Kontrolle)
  • Belohnung/Dopamin liefern (kurzfristige Erleichterung)
  • Gefühle dämpfen oder Leere füllen
  • Kontakt ersetzen oder herstellen
  • Identität stabilisieren („Ich bin produktiv / begehrt / erfolgreich“)

Es ist nicht „zu viel Spaß“, sondern oft „zu wenig Sicherheit, Halt oder Verbindung“.


3. Wovor schützt es? (häufige innere Auslöser)

Stoffungebundene Süchte können helfen, nicht fühlen zu müssen:

  • Angst, innere Unruhe
  • Scham, Selbstwertschmerz
  • Trauer, Verlust
  • Einsamkeit
  • Ohnmacht
  • Leere/Dissoziation
  • Überforderung/Reizflut
  • innere Konflikte („Ich sollte…, aber ich kann nicht…“)

Das Verhalten wird zur Abwehr gegen das Zuviel – oder gegen das Zuwenig.


4. Drei typische Funktionsgruppen (leicht verständlich)

A) Beruhigen / Abschalten

z. B. Scrollen, Serien, Gaming, Essen, Pornografie
Funktion: runterfahren, nicht denken/fühlen, „Nebel“

B) Aktivieren / Kontrollieren

z. B. Arbeit, Sport, Perfektionismus, Planen, Optimieren
Funktion: Macht zurückholen, Ohnmacht vermeiden, Selbstwert stabilisieren

C) Belohnen / Verbinden

z. B. Shopping, Glücksspiel, Dating/Bestätigung, Social Media
Funktion: Kick, Aufwertung, Kontaktgefühl, „Ich existiere“

(Manche Verhaltensweisen wechseln je nach Zustand zwischen diesen Gruppen.)


5. Kurzfristiger Nutzen vs. langfristiger Preis

Kurzfristig (warum es so verführerisch ist):

  • schnelle Entlastung
  • Gefühl von Kontrolle oder Bedeutung
  • angenehme Betäubung oder Kick
  • Abbruch von Grübelschleifen

Langfristig (warum es eng wird):

  • Toleranz (mehr nötig für gleiche Wirkung)
  • weniger Zugang zu echten Bedürfnissen
  • weniger echte Beziehung/Erholung
  • Scham- oder Schuldspiralen („Warum krieg ich das nicht hin?“)
  • Funktionsverlust in Alltag, Arbeit, Beziehung

Verhaltenssucht ist oft ein „zu enger Werkzeugkasten“: ein Regler für alles.


6. Verbindung zu Abwehrmechanismen

Stoffungebundene Süchte überschneiden sich häufig mit:

  • Vermeidung (von Gefühlen, Konflikten, Aufgaben)
  • Rationalisierung („Ich brauch das halt zum Abschalten“)
  • Intellektualisierung (statt fühlen: optimieren/analysieren)
  • Fawn Response (Gefallen/Bestätigung als Sicherheit)
  • sozialer Rückzug (Kontakt wird durch Verhalten ersetzt)
  • Schwarz-Weiß-Denken („Ganz perfekt oder gar nicht“)

Sie sind oft Regulation + Abwehr + Kompensation in einem.


7. Das Gegenteil aus dualer Sicht (Ganzheit)

Das Gegenteil ist nicht „keine Lust mehr“ oder „nie wieder“.
Das Gegenstück ist:

👉 Breite Selbstregulation + echte Bedürfnis-Erfüllung

  • mehrere Wege, Stress zu regulieren (Körper, Rhythmus, Natur, Kreativität)
  • Co-Regulation (Menschen, sichere Beziehung, Hilfe)
  • Grenzen, Pausen, Sinn
  • Selbstwert, der nicht an Leistung/Kick hängt
Verhalten als ReglerRegulation & Bedürfnisorientierung
schnell, automatischlangsam, bewusst
kurzfristige Erleichterunglangfristige Stabilität
Ersatzbefriedigungechte Bedürfnisse im Blick

Ganzheit heißt: Das Bedürfnis bleibt würdig (Ruhe, Verbindung, Freude, Sicherheit) – nur der Weg wird freier.


8. Achtsamkeit: vom „Was“ zum „Wozu“

Achtsamkeit fragt:

  • „Was passiert kurz davor in mir?“
  • „Ist das gerade Übererregung (Stress) oder Leere (Shutdown)?“
  • „Welche Funktion hat das Verhalten: beruhigen, aktivieren, verbinden?“

Das ist der Schlüssel: Funktion erkennen = Wahlmöglichkeiten schaffen.


9. Selbstliebe: Raus aus Scham, rein in Würde

Selbstliebe bedeutet hier:

  • nicht verharmlosen, aber auch nicht verurteilen
  • Rückfälle/Impulswellen als Signal verstehen
  • Hilfe als Stärke betrachten

„Ein Teil von mir versucht, mich zu stabilisieren.
Ich darf lernen, mich anders zu stabilisieren – ohne mich zu beschämen.“


10. Merksatz für Verhaltenssüchte

Stoffungebundene Süchte sind oft ein Versuch, innere Zustände zu regulieren.
Heilung beginnt, wenn wir die Funktion würdigen und neue, sichere Grenzen und Regler aufbauen.

Michael Blanz
Grenzen zu setzen bedeutet, der eigenen Natur Raum zu geben. Es bedeutet, sich über eigene Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen klar zu sein.

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